Was wäre die Kraft ohne Steuerung

Muskel arbeiten stets in der Form einer kombinierten Kette. Einmal erlernte Bewegungen laufen nahezu automatisch ab. Diese Vorprogrammierung ist allerdings nicht unverwundbar. Der gelungene Bewegungsablauf beim Sport ist das Resultat skelettärer und muskulärer Vorbedingungen in Verbindung mit einer Spitzenleistung des Zentralnervensystems. Diese Sensomotorik kann durch Koordinations- oder Geschicklichkeitstraining verbessert werden.

Von Univ.Prof. Dr. Hans Tilscher

Die Beurteilung des Bewegungsapparates nach kybernetischen Gesichtspunkten erlaubt tiefere Einblicke in das Gebiet „Bewegung“, verändert deren Betrachtungsweise, und kann natürlich auch zu entsprechenden praktischen Konsequenzen bei der Behandlung dieses Themas führen.

Man wirft der Orthopädie vor, sie betreue den Stütz- und Bewegungsapparat, in welchem das Nervensystem störend eingreift und nicht nur die Orthopädie.

Tatsache ist, dass, damit sich etwas bewegt bzw. etwas geschieht, es dreier Anteile eines Funktionskreises bedarf, nämlich

  • der Materie (Knochen, Gelenke, Bänder)
  • der Energie (Muskeln) und
  • der Steuerung (neurales Versorgungssystem der Muskulatur).

Es wird daraus ersichtlich, dass die Innervation (mit)bestimmt, ob eine Bewegung schnell oder kräftig bzw. (ökonomisch) richtig erfolgt, eine Tatsache, die im Sport, in der Rehabilitation und in der Prävention ihre Berücksichtigung findet sollte.

Eine Erschwernis für die Durchschaubarkeit muskulärer Funktionen liegt darin begründet, dass es praktisch keine muskulären Einzelaktionen gibt und dass Muskeln stets in Form einer kombinierten Kette reagieren.

Entwicklung des Einzelwesens – Ontogenese

Die ursprünglich beim Kleinkind vorhandenen subkortikal verankerten Primitivbewegungen bilden sich im Laufe der Entwicklung zu kortikal gesteuerten und verankerten „stereotyp“, „muscular pattern“ Bewegungsmustern aus. Nahezu bedingt-reflektorisch laufen schließlich alle sich ständig wiederholenden Bewegungen des täglichen Lebens in individualtypisch variierter Form ab. Diese Vorprogrammierung ist allerdings bei Inaktivität oder anhaltenden Störeinflüssen nicht unverwundbar, und gesunde motorische Stereotypien können sich so zu Fehlstereotypen wandeln, Vorgänge, die im Alltagsleben nur all zu leicht vorkommen. Man denke an die zahlreichen Be- und Überlastungen, die aus dem Berufsleben, aus übertriebenen Sport- oder Freizeitbetätigungen erwachsen. Anhaltende und das Muskelsystem schädigende Reizzustände (etwa die erwähnten chronischen Überlastungen) begünstigen primär die tonische Muskulatur, die größere Belastungen verträgt. Die tonische (posturale) Muskulatur ist in aufrechter Haltung ständig aktiv und verhindert das Stürzen (Stützmotorik). Sie tendieren zur Verkürzung. Die phasische Muskualtur ist für die schnelle geschickte Bewegung gedacht (Zielmotorik). Sie neigt zur Abschwächung. Die ohnehin anfälligen phasischen Muskeln, die häufig funktionell antagonistisch zu tonischen Muskelgruppen eingestellt sind, erfahren eine gezielte Inaktivierung durch die von Sherrington erkannte Gesetzmäßigkeit, der zufolge die Erregung in den einer Muskelgruppe als Gegenspieler ausgerichteten Muskeln eine Erschlaffung bewirkt. Dieser im Normalfall dem Ökonomieprinzip des Muskelspiels dienende Vorgang bringt es mit sich, daß im Störungsfalle, wie bei verschiedenen schmerzhaften Funktionsstörungen des Bewegungsapparates, etwa eine Hartspannbildung im dazu neigenden tonischen Muskel, in der antagonistisch orientierten phasischen Muskulatur dagegen eine Abschwächung entsteht. Die daraus erwachsende zunehmende muskuläre Dysbalance ist nicht nur ein wesentlicher pathogenetischer Faktor der Erkrankung des Bewegungsapparates im Sinne der Fehlhaltung, sondern in direkter Folge ein oft kaum überwindbares Therapieproblem als resultierender Haltungsschaden oder Bewegungsschaden.

Die Fehlstatik, die Fehlhaltung

Biologische Systeme sind nur dann als gesund zu bezeichnen, wenn sie unter ökonomischen Prinzipien funktionieren. Genauso können die beiden miteinander verknüpften Gegebenheiten von Statik und Dynamik dann als ausgeglichen angesehen werden, wenn sie der Ökonomie folgen. Das heißt mit anderen Worten, daß diesbezüglich Normalverhältnisse bestehen, wenn für die Ausgangssituation nur der minimal notwendige Energieaufwand aufgebracht oder, anders ausgedrückt, die geringste eben erforderliche Muskelarbeit geleistet werden muß (siehe Grafik). Die Statik des aufrecht stehenden Menschen entspricht dieser Forderung, wenn die Schwerpunkte aller massenbildenden  Teile in einer Lotlinie liegen, die in ap-Ansicht von der Mitte des Hinterhauptes zum Auftreffpunkt in der Mitte zwischen beiden Füßen zieht. Bei der seitlichen Ansicht sollte das Schwerelot den äußeren Gehörgang mit dem Chopart-Gelenk verbinden.

Für den Sport bedeutet dies, dass der gelungene Bewegungsablauf zweifellos das Resultat skelettärer und muskulärer Vorbedingungen ist, dass der Ablauf aber selbst zentralnervös gesteuert, als Bewegungsmuster gespeichert durch den Willen abberufen, bei seinem Ablauf kontrolliert und dann schließlich beendet wird. Dieses Bewegungsmuster ist auch im Sport eine Konsequenz, der bereits erwähnten, durch zahllose Wiederholungen erlernten automatisierten Bewegungsabläufe, wie das Stehen und das Gehen, das Laufen, das Greifen, das Heben, das Werfen, etc.

Analysiert man alleine einen Greifakt, dann ist bekannt, dass dieser Greifakt einmal geplant wird, anschließend werden Rumpfmuskeln, Beinmuskeln aktiviert, um die Stabilität des Rumpfes zu gewährleisten, bevor der eigentliche Greifvorgang beginnt. Bewegungsdetails werden durch die Propriozeption, aber auch optisch kontrolliert und bei Bedarf korrigiert. Es sind also ständige sensorische Informationen notwendig, um motorische korrekte Antworten zu gewährleisten.

So erfolgt z.B. beim Stehen, einer Spitzenleistung des Zentralnervensystems, ein pausenlos verhindertes Fallen. Beim geringsten Bewegen des Körpers nach vorne kommt es zu entsprechenden Informationen z.B. aus den Sensoren des Sprunggelenkes, die bereits ab einem Bewegungswinkel von 20 zu einer Aktivität des M.triceps surae führen, der unter Aktivierung einer gesamten kinetischen Kette den Körper wieder zurückführt. Überschreitet dabei die Körperschwerlinie die Lotrechte nach hinten, aktivieren wieder die Rezeptoren posturale Muskeln wie den vorderen Schienbeinmuskel und andere mehr, um dadurch ein Schwanken nach vorne zu bewirken. Dies bedeutet, dass das aufrechte Stehen ein ständiges Pendeln des Körperschwerpunktes nach allen Seiten um eine Lotrechte ist. Die Statik und Haltung gilt dann als ideal, wenn die Bewegungsausschläge symmetrisch und möglichst nahe dieser Lotrechen erfolgen, das Ergebnis einer guten Sensomotorik.

Man hat vor rund 30 Jahren diese Körperschwerpunktschwankungen mittels der sogenannten Kistlerplatte bei diversen Erkrankungen studiert. Durch die Druckänderung auf der Platte und deren piezoelektrischen Effekt konnten diese Schwerpunktschwankungen genau definiert werden.

Bei der MFT-S3 Meßplatte kommt nun erschwerend dazu, dass die Unterstützungsfläche bei den Untersuchungen nicht stabil, sondern labil ist. Es wird dadurch die Natur, das Leben, der unebene Untergrund imitiert und das sensomotorische Verhalten der Einzelnen provoziert und daraufhin gemessen. Die dabei wechselnden sensorischen Signale haben selbstverständlich auch einen trainierenden Effekt auf die Gleichgewichtsfindung, wodurch einerseits eine Möglichkeit der Diagnose bzw. der Therapie gegeben wird.

Interessant ist auch, dass die Muskelstereotypien auf vermehrte Signale wie die „extrozeptiven Reize“ (Haltungs- und Bewegungsmeldungen aus der Peripherie, wie z.B. der Haut) sich noch ökonomisieren können. Unter diesem Gesichtspunkt sollte man auch den Nutzen einer banalen Kniebandage sehen, die nicht wegen ihres stützenden Effektes, sondern wegen ihrer „extrozeptiven Reize“ auf die Haut des Kniegelenkes und deren Rezeptoren einwirkt, und die motorische Antwort verbessert. Ein ähnlicher Wirkungsmechanismus gilt in der Medizin auch für das sogenannte Mahnmieder, die Bandage im Lendenwirbelsäulenbereich.

Das Problem der Sensomotorik wird seit undenklicher Zeit im Sinne des Koordinations- oder Geschicklichkeitstrainings berücksichtigt.

Wie heißt es eingangs: Was wäre die Kraft ohne Steuerung!

Univ. Prof. Dr. Hans Tilscher,
Österreichische Ärztegesellschaft für Manuelle Medizin, 
www.manuellemedizin.org    
Gesundheitsaktion SOS Körper,
Rehaklinik Wien Baumgarten,
Reizenpfenninggasse1, 1140 Wien, 
www.soskoerper.at