Überflieger im Flachland

Eigentlich hätte Elly heute eine Einladung zur Geburtstagsfeier ihrer Schulfreundin daheim in Schwechat. Die junge Niederösterreicherin aber trägt gerade kein Geschenk, sondern ihr Sportgerät. Ihre zwei Skier auf der rechten Schulter sind breiter und viel länger als das, womit Siebenjährige gewöhnlich über Pisten fahren. Andere Skibindung, beweglichere Leder-Skischuhe statt Hartplastik, ein silberner Rennhelm, ihr Körper eingepackt in einen athletischen, luftdurchlässigen Overall in blau-silber. „Zum Glück hat Larissa ihre Geburtstagsparty verschoben. Wir trainieren ja oft am Samstag und Sonntag. Da will ich nicht fehlen.“

Elly ist Skispringerin. Eine ungewöhnliche Sportart für ein Mädchen, das eindeutig aus dem flacheren Teil der Republik kommt. Die Wiener Stadtadler sind der einzige aktive Skisprungclub im Umkreis von 100 Kilometern um die Bundeshauptstadt. Etwa 30 Mädchen und Burschen zwischen sechs und 14 Jahren springen im Verein. Ungefähr die Hälfte kommt aus Wien, die anderen sind verstreut auf halb Niederösterreich – zwischen Gloggnitz, dem Wienerwald, Klosterneuburg und eben Ellys Heimatort, Schwechat.

Elly sitzt auf dem Zitterbalken. (Bild: Wiener Stadtadler)

Wenn sie ihre Sprungski raufträgt zum „Zitterbalken“, von dem Springer in die Anlaufspur steigen, kommt sie ganz schön ins Schwitzen. „Nein, kalt ist mir im Sprunganzug nie“, sagt Elly, zieht die Skibrille runter und schaut runter auf den Trainerturm neben dem Schanzentisch. Dort steht Moritz Inkofer, 23, aus dem dritten Wiener Gemeindebezirk. Er ist Kindergartenpädagoge und Cheftrainer der Stadtadler. „Elly, denk‘ dran: Bis zum Absprung ganz tief in der Hocke bleiben“, ruft er noch einmal rauf und gibt ihr mit einem Handzeichen die Schanze frei.

„Ich war als Bub bei den ersten, die in Wien Skispringen bei den Stadtadlern lernen durften. Das will ich jetzt den Kindern von heute zurückgeben“, meint Inkofer. Vor 15 Jahren wollte der damalige ÖSV-Direktor Toni Innauer neues Skisprungpotenzial anzapfen und hatte die Vermutung, dass in einem einwohnerstarken Einzugsgebiet wie Wien und Niederösterreich genauso athletische Talente schlummern wie in Tirol, Salzburg oder Oberösterreich. Er setzte dem Kärntner Olympiamedaillengewinner Christian Moser einen Floh ins Ohr. Moser war nach seiner aktiven Karriere in die Bundeshauptstadt gezogen und damit der optimale Starthelfer für einen Skisprungclub. „Natürlich wurden wir damals im Rest des Skisprunglandes belächelt. Aber wir haben genau gewusst, wohin wir wollen.“

„Natürlich wurden wir damals im Rest des Skisprunglandes belächelt. Aber wir haben genau gewusst, wohin wir wollen.“

Christian Moser

Heute lacht keiner mehr über die Stadtadler. Nicht nur, dass acht Gesamtsieger der Internationalen Kindervierschanzentournee in den letzten Jahren Stadtadler waren. Gerade erst in diesem Winter hat einer der Ihren sogar den bisher größten Erfolg in der Vereinsgeschichte eingefahren. Louis Obersteiner, 15, aus dem Bezirk Donaustadt, ist der erste Wiener, der den Gesamtsieg des Austria Cups, also der höchsten nationalen Wettkampfserie für Nachwuchs-Skispringer, geholt hat. Ihn nennen sie am Schigymnasium Saalfelden, wo Louis mittlerweile an seiner Karriere arbeitet, einen Rohdiamanten mit großem Potenzial.

Zu ihm schaut natürlich auch Elly auf. „Ich muss mich an der Kante am Schanzentisch noch mehr durchstrecken, wie die Großen. Aber das Gute ist: Ich war diesmal schon länger in der Hocke“, analysiert die Siebenjährige ihren ersten Trainingssprung an diesem Tag, schnallt die Sprungski ab und schultert sie wieder. Ungefähr fünf Sprünge macht Elly pro Trainingseinheit, zwei Einheiten pro Tag sind bei den Stadtadlern üblich. Ein Trainingstag ist da schon intensiver als in anderen Vereinen. Denn im Gegensatz zu allen anderen Skisprungclubs in Österreich haben die Stadtadler keine eigene Schanze vor der Haustüre, wo man wochentags nach der Schule einmal schnell ein paar Sprünge machen könnte.

„Wir sind eigentlich jedes Wochenende unterwegs“, erzählt Ellys Mama Sonja. Mit „wir“ meint sie alle Aktiven im Verein. „Zum Glück ist jetzt genug Schnee in der Obersteiermark, hier in Mürzzuschlag. Das heißt, wir haben innerhalb einer Autostunde schon eine Trainingsmöglichkeit.“ Weil die größeren Athletinnen und Athleten auch größere Schanzen brauchen, sind die Stadtadler oft auch in Eisenerz in der Steiermark oder Höhnhart in Oberösterreich, Villach in Kärnten oder Planica in Slowenien. „Wir haben zwar keine eigene Schanze, aber nachdem wir oft und lange im Vereinsbus zusammen sind, haben wir als Mannschaft wahrscheinlich das größte Zusammengehörigkeitsgefühl“, vermutet der junge Cheftrainer. Sonja bestätigt das: „Wir Eltern bringen die Kinder in Wien zum Vereinsbus – da weiß ich, dass Elly dann gut aufgehoben ist, auch wenn ich nicht mit zum Training fahre.“

Nichtsdestotrotz wäre es laut Stadtadlern höchste Zeit, dass sich in oder um Wien endlich einmal was tut mit einer Skisprungschanze. „Wenn heuer mit unserem Louis Obersteiner zum ersten Mal ein Wiener der österreichweit beste Nachwuchsskispringer seines Alters ist – und das ohne direkte Trainingsmöglichkeit in seiner Heimatstadt – wieviel Skisprung-High Potentials könnten wir denn erst formen, wenn wir direkt in Wien oder im Umland trainieren könnten?“, fragt sich Florian Danner, selbst Athletenpapa und seit einem halben Jahr Vereinsvorsitzender. „Wir brauchen ja keine Großschanze um ein paar Millionen, die dann im besten Fall einmal im Jahr bei einem Weltcup benutzt wird. Was wir brauchen sind kleine Trainingsschanzen.“ Tirol habe mehr Nachwuchsschanzen als Bezirke, in den 23 Wiener und 24 niederösterreichischen Bezirken gebe es keine Einzige – dabei würden im Ballungsraum um Wien fast vier Mal so viele Menschen und damit potentielle Talente leben.

Das Argument, dass Wien zu wenige Schneetage hat, gilt im Skispringen nicht. So gut wie alle Schanzen in Österreich sind mit bewässerten Matten ausgestattet, damit im Sommer trainiert werden kann. „Wir müssten also kein Schneekanonen-Arsenal aufstellen, damit wir dann ein paar Wochen springen können. Wir könnten zum Beispiel das ganze Jahr über im Sommerbetrieb arbeiten, außer an diesen paar Tagen im Jahr, wo auch in Wien von Natur aus Schnee liegt.“

Ideen und Gespräche zu Standorten gab es in den letzten Jahren schon viele – von der Hohen Warte in Wien über Pressbaum bis Kaltenleutgeben im Wienerwald. Aber jetzt sind auch die durchschlagenden Erfolge da, die zeigen, dass es hier nicht nur um ein paar urbane Wald- und Wiesenspringer geht, sondern auch um echte Nachwuchshoffnungen für den Österreichischen Skiverband.

Ob Elly so eine ist, steht noch in den Sternen. „Ich darf heuer im Sommer wahrscheinlich zum ersten Mal bei allen Springen der Kindervierschanzentournee starten“, freut sich das momentan jüngste Küken im Stadtadlerhorst. Sie sitzt schon wieder oben am Zitterbalken und lässt los zum nächsten Trainingssprung. 12 Meter ist ihre Bestweite heute. Am Mittwoch ist Konditionstraining in Wien – sobald der Rollsplitt weg ist, gibts auch Rollerskate-Einheiten in der Stadt. Und am Wochenende geht’s wieder an die Schanze. Dazwischen besucht Elly aber auch ihre Freundin Larissa. Geburtstage gehören ja trotzdem gefeiert.