Turnen mit dem „kleinen Riesenrad“

Beim Rhönradturnen präsentieren die Turner in und auf einem Rad, das aus zwei Stahlreifen besteht, ihre Übungen. Die Sportart verbindet Akrobatik, Artistik und Turnen und ist sowohl im Breiten- und Leistungssport, als auch im Showbereich verbreitet.

Die beiden Reifen werden durch sechs Sprossen aneinandergefügt. Für den Halt befinden sich bei den meisten Rädern auf den Querstangen zwei Lederschlaufen (Bindung) für die Füße und zwei Griffe für die Hände. Die Größe des Rades hängt von der Größe des Sportlers ab, der Durchmesser beträgt zwischen 130 und 245 cm und das Gewicht variiert zwischen 40 und 60 kg. Das Turnen erfordert von den Sportlern Körperbeherrschung, Dynamik und Kraft.

Geschichte

Bereits im Jahr 1920 verfasste der Deutsche Otto Feick den 1. Plan für den Bau eines Rhönrades. Fünf Jahre später konstruierte er das erste Turnrad, das nach seiner neuen Heimat Rhön benannt wurde. Bei den Olympischen Spielen 1936 wurde das Rhönrad demonstriert und bekam damit erstmals weltweit Aufmerksamkeit. In Österreich fanden 1960 im Rahmen des Bundesturnfestes die ersten Rhönradwettkämpfe statt. Nachdem 1992 die 1. Europameisterschaft in Liestal (Schweiz) über die Bühne ging, wurde im Jahr 1995 der Internationale Rhönradturnverband (IRV) gegründet, der noch im selben Jahr die 1. Weltmeisterschaft in Den Helder (Niederlande) austrug. Der österreichische Rhönradverband entstand 2002 in Salzburg und fördert seitdem das Rhönradturnen als Breiten- und Leistungssport. Bei der Weltmeisterschaft im kommenden Jahr in Lillehammer standen mit Cornelia Kanzi und Susanne Brechelmacher erstmals Österreicher am Start. In den nächsten Jahren verbreitete sich der Sport in Österreich besonders dank Show-, und Schulauftritten, Universitätslehrgängen und Trainingscamps. Auch beim jährlich stattfindenden Tag des Sports in Wien sind Athleten vor Ort, um den Bekanntheitsgrad der Sportart zu erhöhen.

Bereits im Jahr 1930 turnten deutsche Studenten im Rhönrad. Copyright: Das Bundesarchiv / Wikimedia

Disziplinen

Beim „Geradeturnen“ rollt das Rad aufrecht auf beiden Reifen. Der Turner präsentiert dabei im Reifen Pflicht- und Kurübungen, die unter anderem Elemente aus dem Reck- und Barrenturnen beinhalten. Im Erwachsenenbereich läuft im Hintergrund eine selbst gewählte Musik, an die die Darbietung dementsprechend angepasst werden soll.

Auf nur einem Reifen bewegt sich das Rad im Bewerb „Spiraleturnen“. Ähnlich wie eine Münze „tellert“ das Rad mit einem Neigungswinkel von 60° in der großen und 30° in der kleinen Spirale. Mithilfe von Gewichtsverlagerung und Armzug versucht der Turner für drei bis fünf Sekunden die Höhe zu halten und anschließend das Rad wieder in den Stand zu bringen.

In der Disziplin „Sprung“ schieben die Turner das Rad an, lassen sich anschließend hinaufziehen und springen dann auf eine Weichbodenmatte. Beliebte Sprünge sind zum Beispiel Überschläge, Hock- oder Grätschsprünge und Sprünge mit Längs- oder Querrotationen.

Das „Cyr Wheel“ oder „Mono Wheel“ kam erstmals bei der WM 2013 in Chicago zum Einsatz und ist damit der jüngste Bewerb im Rhönradturnen. Da das Rad aus nur einem Reifen besteht, lässt es sich dynamischer und schneller drehen. Im Gegensatz zu den meisten Rhönrad-Rädern fehlen die Griffe.

Bei manchen Turnieren, jedoch nicht im offiziellen Meisterschaftsprogramm, stehen auch die Disziplinen “Partner-, und Synchronturnen” auf dem Programm.

Alexander Müller holte insgesamt vier WM-Medaillen. Copyright: Hans Pichler

Die ersten WM-Medaillen für Österreich eroberte Anja Hoffmann bei der WM 2009 (Silber) und 2011 (Bronze) in der Disziplin „Sprung-Juniorinnen“. Zwei Jahre später durfte sich Österreich über das bislang erfolgreichste Großereignis freuen – Vincent Klimo (Sprung Elite) holte ebenso Silber wie Alexander Müller (Geradeturnen Elite). Auch bei den nächsten beiden Weltmeisterschaften wusste Alexander Müller zu überzeugen. 2015 kürte er sich erneut im “Geradeturnen” zum Vizemeister, ein Jahr später holte er bei den Weltmeisterschaften in Cincinnati (USA) zweimal Bronze in den Bewerben „Spirale“ und „Geradeturnen“. Zehn Jahre nach der WM fand 2017 in Salzburg mit dem Teamweltcup ein weiterer großer Wettkampf statt. Österreich ergatterte dabei überraschend den 3. Rang und holte damit die erste Medaille in der Teamwertung. Österreichs erfolgreichster Rhönradturner Alexander Müller beendete mit diesem Wettkampf seine Karriere.

Rhönradturnen kann derzeit in Österreich in der TGUS (Turn-Gym-Union-Salzburg) und dessen Zweigverein RTV Wien (Rhönrad-Turnverein Wien) sowohl wettkampf-, als auch breitensportorientiert ausgeübt werden. Die Weltmeisterschaft 2020 in New Jersey muss aufgrund der Corona-Krise um ein Jahr verschoben werden. In Salzburg sind jedoch im November 2020 mit den Austrian Open und dem Mozart Cup zwei hochwertige Turniere in Österreich geplant.

Österreichischer Rhönradverband
WM 2016 – Alexander Müller 3. Platz – Geradeturnen (Video)
WM 2016 – Alexander Müller 3. Platz – Spirale (Video)