„TRAUT EUCH RAUS!“ Wie zwei Frauen mit Rollenklischees im Outdoorsport brechen

Von Michaela Steger

Kalte Bergluft, frischer Pulverschnee, endlose Weite. Mittendrin: eine Gruppe Skifahrerinnen. Die Frauen klatschen sich ab, jubeln einander zu, wenn ein Sprung besonders spektakulär war. Und helfen sich auf, wenn einer danebengeht.

„Beim Outdoorsport in der weiblichen Gruppe entsteht eine ganz besondere Dynamik“, sagt Regina Knünz. „Die Frauen inspirieren und motivieren sich gegenseitig. Oft gehen sie danach mit einem viel größeren Selbstbewusstsein nach Hause.“

Trotzdem sind Frauen in diesem Bereich rar gesät. Die Gesellschaft verbindet Sportarten wie Freeriding, Biking oder Klettern immer noch größtenteils mit Männern. Regina Knünz (37) und ihre Mitgründerin Anja Schmidt (41) wollen das ändern. Sie haben Anfang 2019 die exploristas gegründet, eine Initiative zur Bestärkung von Frauen durch Outdoorsport. Ihre Vision: Mädchen und Frauen für Natursportarten zu begeistern – und dabei sichtbar zu machen.

Wenn Frauen sehen, dass eine andere Frau etwas schafft, sind sie viel eher motiviert, sich selbst daran zu versuchen.

Regina Knünz

Dass Frauen seltener Outdoorsport betreiben, ist laut Minas Dimitriou, Professor für Sportwissenschaft an der Universität Salzburg, eine Folge der Sozialisation: „Frauen und Männer entwickeln im Laufe ihres Lebens völlig unterschiedliche Körperstrategien. Frauen lernen, mit ihrem Körper vorsichtig und zurückhaltend umzugehen, ihn ästhetisch zu gestalten und anmutig zu bewegen. Folglich sind sie in verletzungsanfälligen Sportarten wie Fußball, Wildwasserkajak, Canyoning oder Freeriding viel seltener zu sehen.“ Bei Männern sei der riskante Umgang mit dem eigenen Körper hingegen ein Symbol von Männlichkeit, den die Gesellschaft nicht nur toleriere, sondern fordere. „Getreu dem alten Spruch: Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“

Die Gründerinnen der exploristas: Regina Knünz und Anja Schmidt.
(Bild: Alena Paschke)

Die exploristas wollen Frauen dazu animieren, mit alten Rollenklischees zu brechen und ihre Leidenschaft für Sport und Natur auszuleben.

„Dafür brauchen sie eine Plattform, über die sie sich vernetzen und Kontakte zu Gleichgesinnten knüpfen können“, sagt Knünz. Um die zu schaffen, organisiert der Verein Events wie Techniktrainings, Freeride Camps und Bike-Wochenenden – exklusiv für Frauen, versteht sich.

Dabei gehe es nicht darum, männliche Sportler auszuschließen, wie die Vorarlbergerin betont. Im Gegenteil: „Es ist uns wichtig, auch Burschen mit unserer Message zu erreichen: Schaut her, wir Mädels können das genauso wie ihr. Natürlich möchten wir weiterhin mit euch Sport machen, aber manchmal ist es cool, unter uns zu sein.“

Knünz ist überzeugt: Outdoorsport in weiblicher Lernumgebung fördert das Zugehörigkeitsgefühl und stärkt das Selbstbewusstsein.

„Wenn Frauen mit Frauen Sport machen, verhalten sie sich risikofreudiger und mutiger als in gemischten Gruppen“, bestätigt Professor Dimitriou. Das liege daran, dass Männer leistungsorientierter seien als Frauen. Somit hafte der sozialen Interaktion in gemischten Gruppen automatisch ein Konkurrenzcharakter an.

„Hinzu kommt, dass das Beobachten eines weiblichen Vorbilds einen Push-Effekt hat“, sagt Knünz. „Wenn Frauen sehen, dass eine andere Frau etwas schafft, sind sie viel eher motiviert, sich selbst daran zu versuchen.“

Knünz und Schmidt haben sich selbst in einem Freeride Camp für Frauen kennengelernt.

Beide waren völlig überrumpelt von dem Gefühl, ein Wochenende lang mit 20 Frauen Ski zu fahren. „Es hat unglaublich viel Spaß gemacht. Wir waren fast wie im Rausch“, erinnert sich Knünz.

Und dann gab es da diesen Schlüsselmoment: Die beiden waren mit einer Gruppe Skifahrerinnen im Vorarlberger Lechquellengebirge unterwegs. Während ihrer Tour entdeckten sie Skispuren im Schnee, die von der Roggal Scharte herunterführten.

„Wir waren fasziniert von der Leistung des unbekannten Abenteurers. Später erfuhren wir, dass die Spuren von einem unserer weiblichen Guides stammten. Diese Nachricht hat uns vollkommen überrascht. Wir alle hatten einen männlichen Skifahrer vor unserem inneren Auge gesehen. Und das bei einem Freeride Camp für Frauen.“

Wenig später riefen Knünz und Schmidt die exploristas ins Leben. Leitspruch: „Trau dich raus!“. Auch Knünz hat sich getraut: Als das Bundesministerium im ersten Jahr eine Förderung bewilligte, kündigte sie ihren Marketing-Job in der Skiindustrie. Seither kümmert sie sich hauptberuflich um den Verein. Schmidt, die in Wien als Juristin arbeitet, unterstützt die exploristas ehrenamtlich. Ein Herzensprojekt für die beiden Frauen.

„Ich bin mitten in den Bergen aufgewachsen, das Skifahren gehörte schon immer zu meinem Leben. Die Freiheit, die Luft, die Aussicht – diese Dinge relativieren den ganzen Alltag und bringen einen zu dem zurück, was wirklich wichtig ist. Das ist meine Art von Wellness“, erzählt Knünz und lacht. Schmidt ist ebenfalls begeisterte Skifahrerin und fühlt sich beim Windsurfing am Neusiedlersee zu Hause.

Ob jung oder alt, Neuling im freien Gelände oder versierte Abenteurerin – bei den exploristas ist jede Frau, die sich für Outdoorsport interessiert, ein willkommenes Mitglied. Knünz und Schmidt organisieren eine Bandbreite an Events für Einsteiger, Fortgeschrittene und Profis. Techniktrainings, Freeride- und Freestyle-Camps stehen dabei genauso auf dem Programm wie Bike & Yoga-Wochenenden.

Konkurrenzdenken ist bei den exploristas fehl am Platz.  Es gehe nicht darum, wer die Schnellste ist oder am weitesten springen kann. „Die Freude am Sport und die Gespräche beim gemeinsamen Abendessen sind viel wichtiger. Der Ehrgeiz ist eher Nebensache“, sagt Knünz. Diese Einstellung ist laut Forschung typisch für Sport in Frauengruppen.

„Männer sind auf individueller Ebene erfolgsorientierter als Frauen“, erklärt Dimitriou. „Für Frauen stehen die Gruppendynamik und das Soziale vor dem Ergebnis der Leistung.“

Auch die Sichtbarkeit ist für die exploristas ein wichtiges Thema. So sind Sportlerinnen in der medialen Berichterstattung weit weniger präsent als Männer. Um dieses Ungleichgewicht zu beheben, setzen die exploristas stark auf Role Models. Für 2020 plane man Kampagnen in verschiedenen österreichischen Medien. „Wir möchten Frauen weibliche Vorbilder liefern, indem wir die Geschichten starker Frauen erzählen und sie auf die Bühne holen.“ Mit Lorraine Huber gewannen die Gründerinnen bereits eine Freeride-Weltmeisterin als Vorzeigesportlerin.

„Egal ob Profi oder Hobbysportler – wir freuen uns über jedes Mitglied, jeden Partner und jedes Role Model“, sagt Knünz. Eine Mitgliedschaft bei den exploristas kostet 30 Euro im Jahr. „Viele Frauen erzählen uns, sie hätten sich lange nicht getraut, sich anzumelden. Weil sie glaubten, nicht gut genug zu sein. Gerade diese Frauen sind dann unter den Besten mitgefahren. Die Selbstwahrnehmung ist oft viel schlechter als die Wirklichkeit.“