Sport hinter Gittern

Die Justizanstalt Josefstadt beherbergt 1200 Häftlinge und einen Turnsaal. Sport hat auf den Strafvollzug positive Auswirkungen, doch viele Hürden stehen der sportlichen Betätigung im Weg.

Beim Gedanken an ein Gefängnis drängen sich unwillkürlich Bilder von schweren Gittertüren, grauen Wänden und Menschen in Sträflingskleidung auf. Die Realität ist anders. Tritt man durch die grüne Stahltüre in der Wickenburggasse 18, betritt man eine andere Stadt. Eine Stadt, umgeben von Mauern, in der 1200 Menschen aus 70 Nationen miteinander leben. Die Justizanstalt Josefstadt ist eine Stadt in der Stadt. Anders, als man es aus den amerikanischen Fernsehserien kennt. Hinter einer Vielzahl an versperrten Türen, im sogenannten Gesperre, gibt es diverse Betriebe, wie beispielsweise eine Bäckerei, eine Wäscherei, ein Krankenhaus und natürlich zwei Küchen. Unter den Insassen befinden sich gut 40 Jugendliche. Menschen im Alter von 14 bis 18 Jahren. Sie sind in einem eigenen Department, von den Erwachsenen getrennt, untergebracht. Burschen, die sich äußerlich nicht von Gleichaltrigen außerhalb des Gefängnisses unterscheiden. Der Unterschied liegt aber in ihrer aktuellen Lebenssituation. Sie sind eingesperrt, können nur bedingt frei über ihr Leben entscheiden.

Die Reintegration der Straftäter

Eine wichtige Aufgabe des Strafvollzuges ist die Reintegration der Straftäter in unsere Gesellschaft. Dies soll mit einem „strukturierten Tagesablauf, mit möglichst viel Zeit außerhalb der Hafträumlichkeiten“ erreicht werden. Für die Integration in die Gesellschaft außerhalb der Gefängnismauern braucht man gesunde Menschen. Dass das Leben in Haft nicht gesund sein kann, belegen die Kosten für die gesundheitliche Vorsorge der Inhaftierten. Gut 90 Millionen Euro werden dafür jedes Jahr ausgegeben. Pro Strafgefangenen sind das fast 10.000 Euro. Sport hilft hier durch die aktive Teilnahme, die Monotonie und die Langeweile zu reduzieren. Sport gibt, auch in einem Bereich der absoluten Fremdbestimmtheit, zumindest temporär das Gefühl, selbstbestimmt zu sein.

„Sport hat positive Auswirkungen auf die Insassen, da können sie sich auspowern“

Franz Tinhof

Die Haft soll aber, ganz besonders für die jungen Insassen, nicht nur Verwahrung sein. Es geht nicht nur darum, sie von den anderen Menschen wegzusperren. Am Ende wird jeder wieder aus der Haft entlassen und soll dann als Teil unserer Gesellschaft auch funktionieren.

Ein Stimmungsbarometer auf dem der Zeiger auf "beschissen" steht
Das Stimmungsbarometer steht selten auf “Spitze” im Gefängnis.

Deshalb ist der Tagesablauf genau gegliedert. Am Vormittag wird die Schule besucht oder an verschiedenen Ausbildungen teilgenommen. In diesem Fall ist die Schule ein umgebauter Haftraum. Wie in jeder anderen Schule stehen in mehreren Reihen Tische im Raum, an den Wänden befinden sich Regale, gefüllt mit Unterrichtsmaterialien. Davor eine Schultafel, auf die der Lehrer gerade die Aufgabe für den nächsten Tag aufschreibt.

Am Nachmittag ist Freizeit. Die verbringen die meisten in ihren Zellen, vor dem Fernsehapparat.

„Eine gut strukturierte Freizeitgestaltung leistet einen wesentlichen Beitrag zur Ruhe und Sicherheit in den Justizanstalten“, schreibt das Justizministerium. „Sport hat positive Auswirkungen auf die Insassen, da können sie sich auspowern“, sagt Franz Tinhof. Der schlanke Endvierziger ist für die sportliche Betreuung der jugendlichen Häftlinge verantwortlich. Insgesamt 1200 Insassen und einen Turnsaal hat die Justizanstalt Josefstadt.

Sport ist im Gefängnis an viele Regeln gebunden

Um den Turnsaal in Betrieb zu nehmen, muss ein Beamter anwesend sein. Dieser braucht die Qualifikation zum Fitlehrwart, das ist eine Zusatzausbildung im Bereich der Trainingslehre. Nicht jeder Insasse kann Sport machen.

Sport kann nur in der Freizeit der Häftlinge betrieben werden. D.h., es steht eine Stunde am Nachmittag zur Verfügung. Zum Turnen bekommen die Häftlinge eine eigene Sportkleidung und Hallenschuhe, die sie nach dem Sport wieder abgeben müssen. Die Reinigung übernimmt ein Turnsaalarbeiter, der auch ein Insasse ist. Im Idealfall können täglich zwei bis drei Gruppen von Häftlingen, im Turnsaal Sport machen. Aufgrund der Personalknappheit sind es aber meist nur vier Gruppen pro Woche. Gespielt wird fast immer Fußball. Fünf gegen Fünf. Da kennen alle die Regeln, und es kann gleich losgespielt werden, ohne viel Zeit mit Erklärungen zu verlieren. Zum Sport kann sich jeder melden, aber nicht jeder will Sport machen. „Am meisten vermisse ich die Zigaretten,“ sagt ein jugendlicher Häftling. Er verbüßt bereits seine vierte Haftstrafe – Sport vermisst er nicht. Es gibt Insassen die bleiben lieber in ihrem Haftraum.

Nur ein Turnsaal für 1200 Insassen. Trotzdem steht er meistens leer.

In den Jugendabteilungen gibt es auch jeweils einen Wuzler und einen Tischtennistisch, sowie eine kleine Kraftkammer.

Es gibt aber auch erfinderische Insassen, die sich aus Wasserflaschen und einem Besenstiel Hanteln basteln, andere trainieren nur mit ihrem eigenen Körpergewicht.

Ausnahmesportler sind im Gefängnis selten

Einen richtigen Ausnahmesportler wie den deutschen Boxer Serge Michel, hat Tinhof in der Josefstadt allerdings noch nicht erlebt. Serge Michel kam mit sechs Jahren aus Russland nach Deutschland. Als Teenager fliegt er von der Schule und gerät auf die schiefe Bahn. Es folgen eineinhalb Jahre Jugendgefängnis. Den Weg aus dem Gefängnis ebnet ihm der Boxsport. 2010 kommt er aus dem Jugendgefängnis und gewinnt innerhalb eines Jahres die bayerische und die süddeutsche Meisterschaft. Aufgrund seiner sportlichen Leistung bekommt er eine Anstellung als Sportsoldat bei der Bundeswehr und qualifiziert sich für die Olympischen Spiele 2016 in Rio.

So leicht wäre eine solche Karriere bei uns nicht möglich, denn Sparring ist in den österreichischen Justizanstalten verboten. Bei uns verläuft so manche Sportlerkarriere umgekehrt und Endet im Gefängnis.

Sport als Chance

Bemerkenswert ist das Projekt „Sport als Chance“. Sportlerlegenden wie Christian Keglevits und Marcus Pürk trainieren gemeinsam mit den Insassen. Sie lernen dabei gezielt auf etwas sinnvolles hinzutrainieren, eine Erfahrung, die sie vielleicht noch nie außerhalb des Gefängnisses gemacht haben. Durch gezielte Anleitung und regelmäßiges Training werden schnell Erfolge erzielt, das motiviert. Sport bietet viele Vorteile im Justizalltag; Bewegungsmangel in der Haft ist ein systemimmanentes Problem. Die Zwangssituation des Eingesperrtseins wirkt hemmend auf den Bewegungsdrang. Dies kann wiederum zu Antriebslosigkeit, zunehmender Isolation, Depressionen, aggressive Handlungen und autoagressivem Verhalten führen. Hier ist Sport besonders wichtig. Sport kann aber auch zur Kompensation von Aggression beitragen. Hemmend wirkt hier die hohe Anzahl an Häftlingen. Durch die permanente Überbelegung ist auch das Personal an seiner Leistungsgrenze. „Menschen kann man nur von Menschen betreuen lassen“ sagt Peter Hofkirchner, der stellvertretende Leiter der Justizanstalt Josefstadt. Er meint damit, dass es nicht ausreicht, jemanden für die sportliche Betreuung einzuteilen. Die handelnde Person muss auch den Willen und auch das Knowhow dazu haben. Es steht und fällt mit dem Engagement der Bediensteten. In der Josefstadt ist das Franz Tinhof, der seit seiner Jugend aktiv Volleyball spielt. Die Liebe zum Sport versucht er auch in seinem Job an die ihm Schutzbefohlenen weiterzugeben.

„Menschen kann man nur von Menschen betreuen lassen“

Peter Hofkirchner

Den jährlichen sportlichen Höhepunkt im Jugenddepartment bildet das Sportfest am Ende des Gefängnisschuljahres. Mannschaften aus den fünf Jugendabteilungen treten in verschieden Disziplinen gegeneinander an. „Dabei ist nicht das Fußballspiel das Wichtigste, sondern das Zusammenspielen, der Teamgeist“, sagt Tinhof.

Gesunde Insassen sind fitter für die Gesellschaft

Am Ende des Vollzugs einer Freiheitsstrafe steht immer die Reintegration des Straftäters in unsere Gesellschaft. Dabei kann Sport einen essenziellen Beitrag leisten. Der Sport im Gefängnis lebt und stirbt mit den handelnden Personen. Nur wenn die in der Betreuung tätigen Personen die Bereitschaft zeigen, sich fortzubilden und sich auch über das Maß des Notwendigen zu engagieren, ist Sport im Gefängnis überhaupt erst möglich. Dass die Betreuung im Gefängnis aber nicht alleine für die Rehabilitation der Insassen verantwortlich ist, zeigt – nicht zuletzt – der Umstand, dass zwei von drei Jugendlichen nach der Haftentlassung wieder straffällig werden. Hier zu helfen, ist eine Aufgabe unserer Gesellschaft und nicht des Strafvollzugs.