Fußballschule auf Rio-Art

Die Escolinha Austria ist Österreichs einzige brasilianische Fußballschule. Mit den Geheimnissen aus Rio de Janeiro die künftigen Nationalteamspieler ausbilden – das war der Traum ihres Gründers Luiz Carvalho de Oliveira Santos. Es kam anders, aber trotzdem wurde das Projekt für ihn ein Erfolg. (Titelbild: David Lopez)

von Marc Schwarz

Groß ziert ein Logo die Vorderseite des grünen Trikots der sechs Jahre alten Mika. Escolinha -Österreichs brasilianische Fußballschule (ÖBF) steht darin geschrieben. Man muss schon genau hinsehen, um das zu erkennen, denn Mika flitzt in der Halle auf und ab, jagt mit ihren Mitspielerinnen dem Ball hinterher. Das gehört am Beginn dazu, erzählt Luiz Carvalho de Oliveira Santos. Der Brasilianer ist der Gründer des ersten und bislang auch einzigen Vereins dieser Art in Österreich.

Mika und die anderen fünf Mädchen besuchen die Astrid Lindgren Volksschule in Wien. Zweimal in der Woche am Nachmittag ist die Escolinha für jeweils zwei Stunden zu Gast. Zunächst arbeitet Luiz mit den sechs und sieben Jahre alten Mädels, die zweite Stunde sind die etwas älteren Jungs dran. Zusätzlich trainiert er einmal pro Woche noch die Schülerinnen und Schüler der Polytechnischen Schule im 7. Bezirk. Die Trainingsstunden in den beiden Schulen laufen nebenbei mit. Denn eigentlich lässt der studierte Architekt den Fußball-Samba jeden Samstag am Universitätssportplatz in der Spitalgasse aufleben.

Den ganzen Tag steht Luiz am Platz und bringt seinen Schützlingen Fußball bei – den aus seiner Sicht richtigen Fußball. So wie ihn der 1954 in der nordbrasilianischen Millionenstadt Belem Para geborene Luiz in seinen jungen Jahren kennengelernt hat. In den Escolinhas von Rio de Janeiro, wo er aufwuchs. Und beim ortansässigen Klub Flamengo de Rio de Janeiro, bei dem er und seine vier Geschwister regelmäßig vorbeischauten. „Sogar die Profis kickten ab und zu ein bisschen mit uns und wir plauderten mit ihnen“, berichtet der 65-Jährige, der seit 1988 in Österreich lebt. 

O jogo bonito– das schöne Spiel – hätte sich auch in ihrer lockeren und offenen Einstellung abseits des Platzes widergespiegelt. So auch bei Luiz‘ ganz großem Idol, Edson Arantes do Nascimento. Oder kurz: Pele. Bei einem Besuch 2006 in Wien wechselte er mit dem FIFA Weltfußballer des 20. Jahrhunderts ein paar Worte. Nach der Gründung der Escolinha ein Jahr später kontaktierte er Pele. Dieser schickte eine Karte mit einer Grußbotschaft und wurde damit zum ersten offiziellen Idol der ÖBF – also einem Ehrenmitglied mit besonderer Vorbildfunktion. Diesen Status besitzt neben Pele und dem brasilianischen Musiker Chico seit acht Jahren auch Steffen Hofmann.

Der FIFA Weltfußballer Pele ist Ehrenmitglied und besonderes Idol der Escolinha. (Foto: GEPA pictures/ Philipp Schalber)

Der ehemalige Spieler und Kapitän des SK Rapid Wien besucht die Escolinha jedes Jahr beim Sommerfest. Was ist für ihn das Besondere daran? „Es geht darum, dass sich die Kinder bewegen und einfach Spaß an der Sache haben. Luiz ist ein herzensguter und fröhlicher Mensch, der die Escolinha mit Begeisterung betreibt“, schildert der ehemalige Bundesliga-Profi. Sein Sohn Moritz spielt momentan im Rahmen des Schulprogramms ebenfalls mit. 

Planänderung nach schwierigem Beginn

Luiz hatte die Escolinha im Jahr 2007 aus einer Not heraus gegründet. Denn er und sein damals neun Jahre alter Sohn Luka fanden keinen passenden Verein. „Du musst, du musst, du musst! – Diese Einstellung habe ich hier in Österreich kennengelernt“, erzählt Luiz. Neben dem Druck missfiel dem Vater-Sohn-Gespann auch das Konkurrenzdenken innerhalb der Mannschaften. Luka versuchte es kurz bei einem Verein, doch relativ bald schloss Luiz sich mit anderen unzufriedenen Eltern zusammen und gründete seine Fußballschule.

Auch auf Drängen seiner Frau Karin, die vor acht Jahren einem Krebsleiden erlag. „Ohne sie hätte es die Escolinha nie gegeben“, betont er immer wieder. 22 Kinder hatte er am Beginn unter seinen Fittichen. Bis heute stehe diese Gruppe für ihn über allem. Mittlerweile würde die Mitgliederzahl rund 170 Kinder umfassen. Manche davon spielen fast wöchentlich, andere nur sporadisch. Für eine Stunde pro Semester zahlen sie 200 Euro, zwei Stunden kosten 300 Euro. Allerdings sei es noch nie am Geld gescheitert, dass ein Kind nicht bei der ÖBF spielen konnte.


Es geht darum, dass sich die Kinder bewegen und einfach Spaß an der Sache haben.“ 

In den Profi-Fußball hat es noch kein ehemaliges Mitglied der Escolinha geschafft. Dabei war das zu Beginn der große Traum von Luiz. „Ich werde Spieler für die Nationalmannschaft ausbilden“, beschreibt er seinen anfänglichen Plan. Dass dieses Vorhaben ohne vorhandene Basis schwierig ist, musste er schnell einsehen. Allein die Platzsuche gestaltete sich äußerst schwierig. Luiz war in der Anfangszeit aber derart von seiner Idee überzeugt, dass er es sogar beim österreichischen Spitzenklub Red Bull Salzburg versuchte. Der Vorschlag: Ausbildung gegen Trainingsmöglichkeit; in Wien wohlgemerkt.

Der Gedanke von „österreichischen Peles“ reizte die „Bullen“ so sehr, dass sie zwei Vereins-Verantwortliche zur Stippvisite schickten. Luiz bereitete ein spezielles Training vor, aus der Kooperation wurde aber nichts. Dies habe ihn zu Beginn gekränkt, mit der Zeit habe er sich aber damit abgefunden, und der soziale Aspekt seiner Arbeit rückte in den Vordergrund. Dass er dem heimischen Fußball trotzdem oder gerade deshalb etwas Gutes tut, davon ist er überzeugt. Im Gegensatz zu regulären Vereinen ist die ÖBF kein Teil eines Verbandes. Dementsprechend nimmt sie an keiner Meisterschaft teil, und es ist auch kein Problem, dass Luiz keine Trainerlizenz hat. Sie sei für ihn persönlich auch unnötig, versichert er. Seine Methoden habe er ohnehin aus Südamerika mitgebracht.

Luiz Carvalho de Oliveira Santos in seinem Element als Trainer (Foto: Felix Machacek)

Wie es sich für einen waschechten Brasilianer gehört, darf dabei auch die Raffinesse nicht zu kurz kommen. Die Einheiten, in denen Tricks einstudiert wurden, sind auch Felix noch bestens in Erinnerung. „Den kurzen Lupfer mit dem Außenrist am Gegner vorbei sieht er besonders gerne“, berichtet der 15-Jährige. Mehrere Jahre war er bei der Escolinha, ehe er mehr Druck und Wettkampf suchte. Das war vor zwei Jahren, trotzdem schaut er noch regelmäßig am USI-Gelände vorbei, kickt selbst mit und assistiert Luiz bei diversen Veranstaltungen. „Ich verstehe Luiz‘ Zugang.

Die Escolinha ist ein guter Anfang für Kids, die noch nicht genau wissen, was sie wollen“, meint Felix. Er komme immer wieder gerne zurück. So auch Moritz, ein Spieler der ersten Stunde. Auch er kehrte nach einer Auszeit wieder zurück. Warum? „Ganz einfach: Weil’s nur hier so gemütlich ist.“