Es braucht viel mehr als nur ein Pferd

Special Olympics ist eine weltweite Sportbewegung für Menschen mit mentaler Beeinträchtigung. Reiten ist eine der sportlichen Disziplinen, die den Athleten neue Fähigkeiten und Erfolge für ihr Leben gibt. Susanne Müller vom Verein Hippo-Sport weiß, dass es allerdings noch viel mehr braucht. (Titelbild: Hippo Sport)

Es ist ein warmer Montagnachmittag. In der Reithalle stehen Stangen mit am oberen Ende angebrachten Körben, Pylonen markieren einen schlangenförmigen Weg. An der Längsseite der Halle liegen drei bunte Stangen im Sand. Dazwischen drei Reiterinnen. Sie sind Special Olympics-Athletinnen und trainieren die Disziplin Working Trail. Was die drei Reiterinnen, neben ihrer Liebe zum Reiten gemeinsam haben, ist ihre mentale Beeinträchtigung.

Die meisten Österreicher verbinden mit Special Olympics Arnold Schwarzenegger. Die Anfänge der Special Olympics gehen aber zurück auf Eunice Kennedy Shriver, Schwarzeneggers Ex-Schwiegermutter. Schon 1962 organisierte sie Sommercamps für Menschen mit mentaler Behinderung. Österreichische Athleten nahmen erstmalig 1985 an den Special Olympics World Games teil. Seit 1993 gibt es die Special Olympics Österreich. Heute gibt es gut 12.000 Athleten, die in Behindertenorganisationen, Schulen, Familien und Vereinen organisiert sind. Die Athleten messen sich in nationalen und internationalen Wettkämpfen in 21 Sommersportarten, acht Wintersportarten und drei Demonstrations- und Regionalsportarten.

(Foto: Hippo Sport)

Die Mission, der sich die Special Olympics verschrieben haben, ist durch die Kraft des Sports Menschen mit mentaler Beeinträchtigung neue Fähigkeiten und Erfolge zu geben. 

Für mehr als 4,2 Millionen Athleten in 170 Ländern werden in 32 olympischen Sportarten ganzjährige Trainings- und Wettkampfmöglichkeiten geboten. 

Einer dieser Vereine ist Hippo – Sport in der Wiener Leopoldstadt, dessen Gründung schon 22 Jahre zurück liegt. Der Zweck war und ist die heilpädagogische und therapeutische Förderung mit dem Pferd für mental behinderten Kinder. 

Hippo- Sport

„Natürlichen kommen die Leute zum Reiten hierher, aber es ist nicht mehr der Mittelpunkt,“ sagt Susanne Müller vom Verein Hippo-Sport und meint, dass es bei der Arbeit mit mental behinderten Menschen viel mehr braucht als nur ein Pferd. Die Menschen benötigen oft Hilfe in ganz anderen Bereichen. 

Sonja Mahrhauser ist ein gutes Beispiel für diesen ganzheitlichen Ansatz. Sie kam mit 15 Jahren in die sonderpädagogische Schule. „Sie war stark übergewichtig und konnte keinen einzigen Buchstaben lesen, wollte aber unbedingt Reiten“, sagt Susanne Müller. Um reiten zu dürfen, hat sie abgenommen und die Buchstaben der Bahnmarkierungen des Dressurvierecks gelernt. Der Lohn für Sonjas Anstrengungen folgte schon bald. Bei den Special Olympics World Summer Games 2015 in Los Angeles errang Sonja im Dressurbewerb eine Silbermedaille und im Working Trail-Bewerb (Geschicklichkeit) sogar die goldene.

Susanne Müllers Engagement für Menschen mit mentaler Behinderung endet nicht am Tor ihres Reitstalls. Sie verbringt auch abseits des Trainings viel Zeit mit ihren Athleten. Es wird gemeinsam gegrillt, es werden Ausflüge gemacht und auch so mancher Urlaub gemeinsam verbracht. Neben dem Reiten trainieren Susanne und ihre Sportler im Winter gemeinsam die Special Olympics Disziplin Schneeschuhlauf. Je nach Trainingsniveau und Interesse laufen die Sportler eine Strecke von 25 Meter bis zu zehn Kilometer. Jeder nach seinem Vermögen und immer nach dem Motto der Special Olympics: Ich will gewinnen, doch wenn ich nicht gewinnen kann, so will ich mutig mein Bestes geben.

Oft fehlt es allerdings an der Bereitschaft der Eltern ihre Kinder zu unterstützen. „Ein Pferd ist kein Tennisschläger“ sagt Susanne Müller, mit einem leicht verzweifelten Unterton, und es braucht halt eine gewisse Zeit, um das Pferd auf das Reiten vorzubereiten und es danach auch noch nachzubereiten. Die Pferde müssen geputzt und gesattelt werden, um mit ihnen zu reiten. Und nach dem Reiten das Gleiche in umgekehrter Reihenfolge wieder, das wird gerne vergessen.

Die Doppel-Goldmedaillengewinnerin Sonja Mahrhauser beim
Working Trail- Bewerb in Hamm. (Foto: Hippo Sport)

Healthy Athletes

Die Gesundheit der Athleten hat bei den Special Olympics einen hohen Stellenwert. Das Programm, „Healthy Athletes“ setzt sich für einen verbesserten Zugang zur Gesundheitsvorsorge für mental behinderte Menschen ein. Darüber hinaus werden bei Special Olympics Veranstaltungen kostenlose Untersuchungen der Athleten durchgeführt und bei Bedarf auch Brillen oder Hörgeräte zur Verfügung gestellt. Es werden auch Informationen für Ärzte und medizinisches Personal zum richtigen Umgang mit Menschen mit mentaler Behinderung bereitgestellt.

„Die Stute war sehr brav, und das Turnier hat mir sehr gut gefallen“ sagt Sonja über die Landesspiele von Special Olympics Nordrhein-Westfalen in Hamm, von denen sie erst am Vortag zurückgekommen ist. Was sie nicht erwähnt, ist, dass sie dort zwei Goldmedaillen gewonnen hat. Bei den Bewerben werden die Sportler nach ihrem Können in Gruppen eingeteilt. Eine Trennung nach Geschlecht und Alter gibt es nicht. Die Turnierpferde werden bei Special Olympics vom Veranstalter zur Verfügung gestellt. Das bedeutet für die Reiter, dass sie sich auch immer an ein neues Pferd gewöhnen müssen. Für Sonja ist es gut gelaufen und sie hat in den Disziplinen Working Trail und Dressur den ersten Platz erreicht. Auch ihre beiden Kolleginnen waren am letzten Wochenende erfolgreich. Szilvia Ozoray bekam in den beiden Disziplinen jeweils Bronze und Nicoline Tscherne, Silber in Working Trail und Gold in Dressur.

Das Training der drei Reiterinnen geht zu Ende. Die Pferde werden in ihre Boxen gebracht und abgesattelt. Susanne Müller gibt klare Anweisungen, wer was zu tun hat und die Reiterinnen sind bemüht der ihnen übertragenen Verantwortung auch gerecht zu werden. Durch den Sport, hier speziell den Umgang mit den Pferden, werden Menschen mit mentaler Beeinträchtigung selbstbewusster und erleben Erfüllung, sowohl beim Sport als auch im Leben. DH