Ein DANKE für die Zwangspause

Das Coronavirus zwingt uns zu einer Pause. Diese wird als Einschränkung gesehen. Mit der richtigen Einstellung kann aber eine solche Pause auch große Möglichkeiten bieten.

Von Philipp Nägele

Das Coronavirus hat unser Leben voll im Griff. Und je nachdem, wie ernst Sie es mit dem eingeschränkten sozialen Leben nehmen, umso mehr Zeit hat man tatsächlich wieder einmal für sich. Um gleich einen neuen Blickwinkel zu geben: dadurch, dass all dies so plötzlich passiert ist, steht man vielleicht da und nimmt sich endlich die Zeit für etwas, was man immer schon tun wollte.

Mit abgesagten und verschobenen Wettkämpfen in allen möglichen Sportarten ist auch unser sportbegeistertes Leben in den letzten Tagen und Wochen sehr langweilig und düster geworden. Für mich persönlich fühlt es sich so an, als hätte die Welt einen kleinen Stopp gemacht. Für viele Athleten ist diese Situation etwas noch nie Dagewesenes. Du solltest trainieren, solltest aber eigentlich im besten Fall nicht einmal das Haus verlassen. Eine absolute Herausforderung für den Geist.

Man kann es ein wenig damit vergleichen, wie es ist, wenn plötzlich eine Verletzung passiert, nach der man richtig pausieren muss. Ich spreche nicht von langsamer treten und dann nach einer bestimmten Zeit wieder Gas zu geben. Ich spreche zum Beispiel von einem Kreuzbandriss. Für den Otto-Normal-Verbraucher eine Zwangspause von mindestens sechs Monaten. Für einen Athleten ebenfalls eine Unterbrechung: eine Operation gepaart mit Reha und viel Regeneration. Ebenfalls eine große Herausforderung für die Einstellung und Mentalität eines jeden Sportlers.

Ich habe schon mehrfach Sportler nach einer Verletzung mental begleitet. Oftmals ist die größte Hürde, nicht zu schnell zu viel zu wollen und zu trainieren. Es ist nicht nur einmal vorgekommen, dass ein verletzter Sportler nach nur wenigen Tagen zu mir gesagt hat: „Ich drehe gleich durch. Ich will trainieren! Ich will spielen!“ Absolut verständlich! Denn jeder Sportler ist auch zugleich Wettkämfer.

„Ich drehe gleich durch. Ich will trainieren! Ich will spielen!“

Manch verletzter Sportler

Das bedeutet, alles dreht sich wieder einmal um die Einstellung. Aber wie um alles in der Welt kann ich Dankbarkeit für solch eine unerwartete – oder ungewünschte – Pause empfinden? Nichts ist gut dabei! Vielleicht hatte der Sportler gerade einen „Lauf“, war voll austrainiert und am Zenit seiner sportlichen Leistung. Was steckt dahinter? Was kann ich noch aus mir rausholen? Wie kann ich noch mehr aus meiner Sportlerpersönlichkeit entwickeln?

Es geht tatsächlich um Dankbarkeit, und ums Weitermachen. Die „Zwangspause“, oder Operation mit verbundener Rehabilitation ist eine Chance. Eine Möglichkeit, etwas Neues zu lernen. Stehenzubleiben und zu reflektieren, nachzuschauen, und vor allem auch nachzuspüren! Darin liegt ungemein viel Potenzial. Mancher Athlet hat schon bemerkt, dass er ohne seine erlebte Verletzung später nicht dorthin gekommen wäre, wenn er die Verletzung nicht gehabt hätte. Warum? Weil er erst in dieser Verletzungsphase zur Ruhe kommt und lernt. Und auch sieht! Sieht, was er vielleicht falsch macht. Wo seine Prioritäten nicht stimmen. Wo seine Einstellung und Blickwinkel irreführend sind.

Und wenn wir über Prioritäten sprechen, dann ist die Zielorientierung ungemein wichtig in dieser Zeit! Gut geplantes Training kennt eine gute Priorisierung in Richtung eines Zieles. Und der unerwünschte Stopp kann eine Neuausrichtung der Ziele, der Schritte dorthin mit sich bringen. Eine gute Sache, wenn man versucht, die Dinge ins positive Licht zu rücken. Und am Ende sind solche Zwangspausen eine riesengroße Chance. Dafür kann man wirklich dankbar sein. Denn dann hast du ganz plötzlich die Möglichkeit, alles anders zu machen, besser zu machen, intensiver zu erleben, und neu zu starten.