Das Herz eines Champions

Die Liebe zum Spiel machte Michael Jordan zum größten Basketballer der NBA-Geschichte. Hingabe und Herz sind wichtig, doch ein gewisses Maß an Aggression ist für den Weg an die Spitze notwendig.

Von Philipp Nägele

Ich habe viele Jahre als aktiver Sportler und Coach im Basketball verbracht. Gerade in der Profiliga NBA wird von den Athleten immer wieder von „the love of the game“ gesprochen: Der Liebe zum Spiel.

Aktuell liegt die Dokumentation über die Chicago Bulls der 90er Jahre auf Netflix unter den Top 3 der meist gesehenen Serien in Österreich. Die Ikone schlechthin im Basketball – Michael Jordan – wird hier mit seiner gesamten Karriere in allen Zügen präsentiert. Mit vielen Interviews, Backstories und Original-Kommentaren. Eine Sache, die besonders hervorsticht, ist die Hingabe zum Sport bei Michael Jordan. Seine Arbeitseinstellung war over the top – in jeder Hinsicht. Was er von sich verlangte, forderte er auch von seinen Mitspielern. Diese waren damit nicht immer glücklich. Es wird sogar davon gesprochen, dass seine Mitspieler Angst vor Michael Jordan hatten. Aber genau diese Energie, diese Hingabe und das Herz ist es, was Michael Jordan auf den Thron im Basketball brachte. Das Herz eines Champions. Denn er musste nicht nur auf dem Basketballfeld die härtesten und physisch stärkeren Gegner schlagen, sondern auch all seine Kritiker abseits des Spielfeldes. Wer hier nicht die wahre „Liebe zum Spiel“ hat, der zerbricht in solchen Situationen. Jordan brachte dies insgesamt sechs NBA-Meistertitel, sowie zwei olympische Goldmedaillen und viele individuelle Titel.

In anderen Sportarten sind Aggressivität, Hingabe und Herz ebenfalls überaus wichtige Fähigkeiten um an die Spitze zu kommen. In meinen Coachings ist auch das immer wieder Thema. Und genau hier wird oft Aggressivität, Härte und der unbändige Willen damit verwechselt. Diese Fähigkeiten stecken in den Athleten. Wie Michael Jordan speisen viele Sportler ihre Motivation von außen, vom Trash Talk, von Ihren Gegnern und bringen dann diese Aggressivität ebenfalls auf diese Art und Weise nach außen. Das ist grundsätzlich eine gute Sache, sie darf nur nicht übertrieben werden. Wenn es in die Richtung Hass und Verachtung geht, ist das zu viel des Guten.

„Don’t ever underestimate the heart of a champion.“

Rudy Tomjanovic

Es gibt noch eine schöne Geschichte aus dem Basketball der 90er Jahre. 1995 standen die Houston Rockets im Finale der NBA-Meisterschaft. Im Ranking weit unten gestartet, schafften sie es irgendwie ins Finale. Ihr Gegner wurde bei den Buchmachern als klarer Favorit eingeschätzt. Die Rockets gewannen die Serie in einem glatten „Sweep“ mit 4–0. Im Interview mit dem Head Coach Rudy Tomjanovic direkt nach dem Sieg war sein prägender Satz folgender: „Don’t ever underestimate the heart of a champion.“ Sie wurden damit zum 2. Mal in Folge Meister: unterschätze niemals das Herz eines Champions – denn sie waren ja im Vorjahr ebenfalls Meister geworden. Und sie hatten einen entscheidenden Schlüssel für diese Meistersaison: ein Spieler – Clyde Drexler – der ein Star-Spieler war, aber noch nie Champion wurde. Dieser Hunger aufs Ganze zu gehen und alles gewinnen zu wollen, den Drexler mitbrachte, übertrug sich auf die Mitspieler.

Als Sportler ist es wichtig zu wissen, wie ich diese Fähigkeiten, diese Aggressivität und diese Energie aufbauen kann. Woher kann ich diese speisen? Und dann ist noch viel wichtiger, wie ich diese kanalisieren kann! Was mache ich mit dieser Energie? Wohin setze ich diese ein? Wenn ein Athlet diese Energie fokussiert auf etwas wie zum Beispiel seine Balance, einen schnellen ersten Schritt, oder kanalisiert in mehr Aktivität nach vorne, dann kann er mit dieser Energie spielen. Er nutzt diese Energie sprichwörtlich für sich! Und attackiert seinen Gegner damit nicht direkt. Eine andere Art – gentlemanlike – wie man Herz und Hingabe für seinen Sport auf eine positive Art und Weise in die Welt bringen kann.