Boccia- Präzessionsballsport mit Handicap

Boccia ist seit Jahrhunderten ein beliebter Zeitvertreib. Seit 1984 ist es auch eine paralympische Disziplin, die Konzentrationsvermögen und eine gute Wurftechnik erfordert. Ob im Einzel- oder im Team gespielt, hat Boccia auch einen hohen therapeutischen Wert für Sportler mit Handicap.

Wer hat nicht als Kind am Strand oder im Freibad Boccia gespielt. Kaum eine Sportart erfreut sich so großer Beliebtheit, wie das Spiel mit den Kugeln. Boccia ist eine sehr alte Sportart. Schon uralte Grabzeichnungen aus Ägypten stellen das Spiel dar. Das klassische italienische Boccia hat seine Wurzeln im Italien des 16. Jahrhunderts. 1873 entstand im Piemont mit dem „Cricca Bocciofila dei Martin“, der erste Boccia-Verein. 1904 gab die „Unione Bocciofila“, also der Boccia-Verband, in Turin auch die ersten offiziellen Boccia-Regeln heraus. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde es ohne Schiedsrichter und ohne feste Regeln gespielt. Heute gilt Boccia als Präzessionsballsportart und wird nicht nur als Hobby betrieben. Auch für Menschen mit Behinderung bietet Para-Boccia viele Möglichkeiten.

Seit 1984 ist Boccia eine paralympische Disziplin für Spieler mit schweren motorischen Einschränkungen aller vier Gliedmaßen und des Rumpfes. Gespielt wird mit sechs Bällen pro Runde. Ziel ist es, seine farbigen Lederbälle möglichst nah zum weißen Zielball (Jack) zu platzieren. Für jeden Ball, der näher am Jack liegt als der gegnerische Ball, erhält man einen Punkt. Bei gleicher Distanz des eigenen und des gegnerischen Balls zum Jack erhalten beide einen Punkt. Ein Spiel besteht aus vier Sätzen im Einzel- und Paarwettbewerb und sechs Sätzen im Teamwettbewerb. Die Gesamtpunktzahl aus den Sätzen entscheidet über den Sieg.

Das Spielfeld umfasst eine Größe von 12,5 × 6 Metern. Geworfen werden darf nur aus den sechs Wurfzonen, die die Spieler nicht verlassen dürfen. Die Spieler beim Para-Boccia dürfen, abhängig von ihrer Einschränkung, die Bälle werfen, rollen, kicken oder von einer Rampe starten. Die Bälle sind aus Leder und etwas größer als ein Tennisball. Boccia erfordert eine hohe Konzentration und eine gute Wurftechnik, sowie Kontrolle der motorischen Fähigkeiten.

Um ein faires und ausgeglichenes Spiel zu ermöglichen, werden die Athleten, je nach ihrer funktionellen Fähigkeit, in vier verschiedene Boccia-Klassen eingeteilt.

Klassifizierung
BC1 – Athleten mit cerebraler Parese
Spieler mit Einschränkungen aller vier Extremitäten, schlechter Greif- Loslassfunktion der Hände, sowie schlechter Rumpfstabilität. Sind zumeist auf einen Elektrorollstuhl angewiesen, können keinen Handrollstuhl bedienen. Spieler in dieser Klasse werfen den Ball mit der Hand oder dem Fuß. Sie dürfen einen Assistenten haben, der sich aber außerhalb der Wurfzone befinden muss.
BC2 – Athleten mit cerebraler Parese
Schwere bis mittlere Einschränkung aller vier Extremitäten, bessere Rumpfstabilität als BC1, können einen Handrollstuhl bedienen. Die Spieler dieser Klasse werfen den Ball mit der Hand. Sie haben keinen Anspruch auf Unterstützung.
BC3 – Athleten mit anderen physischen Behinderungen
Spieler in dieser Klasse haben sehr schwere Bewegungsstörungen in allen vier Extremitäten. Sie dürfen Hilfsmittel, wie z.B. eine Rinne benutzen. Auch sie dürfen einen Assistenten haben, der allerdings mit dem Rücken zum Spielfeld stehen muss.
BC4 – Athleten mit anderen physischen Behinderungen
Spieler dieser Klasse haben schwere Bewegungsstörungen an allen vier Extremitäten sowie eine schlechte Rumpfkontrolle. Die Spieler haben keinen Anspruch auf Unterstützung.

Vier Para-Boccia-Spieler mit ihren Assistenten in der Wurfzone
Doppelbewerb bei den Paralympischen Spielen in Atlanta. Die Helfer platzieren die Bälle und die Rinnen auf Anweisung der Spieler (Bild: Australian Paralympic Committee).

Gespielt wird einzeln, zu zweit oder im Team (drei Athleten). Im Einzel (sechs Bälle pro Spieler) und Paarbewerb (drei Bälle pro Spieler) werden vier Runden gespielt. Im Teambewerb hingegen sechs Runden (zwei Bälle pro Spieler). Bei den Teambewerben spielen Damen und Herren gemischt. In den Klassen zwei und vier sind Helfer erlaubt.

Für die Para-Sportler ist das Besondere an ihrem Sport, neben der Stärkung der Muskulatur und der Verbesserung der Motorik, das gemeinsame Sporterlebnis. „Manche betreiben den Sport schon seit zwanzig Jahren“, sagt Michael Geiling, Boccia-Referent des ÖBSV, „und das ist wirklich ein Lebensinhalt für sie.“ Als Teamsport hilft Boccia auch Berührungsängste abzubauen und fördert die Kommunikation.

Weitere Informationen
ÖBSV- Österreichischer Behindertensportverband
Boccia – Eine Sportart für Cerebralparetiker
WAT Behindertensport