Blindenfußball – Dribbelkünstler mit feinem Gehör

Fußball ist die bekannteste und beliebteste Sportart der Welt. Für sportbegeisterte sehbehinderte Menschen steht mit Blindenfußball eine eigene Variante zur Verfügung. Ein rasselnder Ball und zurufende Guides helfen den Spielern sich zu orientieren. Titelbild (Copyright: bastian_kr photographics)

Blinde Fußballer müssen sich voll und ganz auf ihr Gehör verlassen. Damit faire Bedingungen herrschen, bedecken Feldspieler, die über einen geringen Sehrest verfügen, ihre Augen zum Beispiel mit Eyepads oder Dunkelbrillen. Das Tor hingegen können auch Personen ohne Sehbehinderung hüten. Jedoch dürfen diese ihre kleine Zone nicht verlassen. Da sich Zusammenstöße oft nicht vermeiden lassen, tragen zur Sicherheit viele Spieler einen Kopfschutz. Im Ball, der etwas kleiner und schwerer als ein klassischer Fußball und dadurch besser kontrollierbar ist, befinden sich Rasseln, die bei Bewegung Geräusche erzeugen. Dadurch können die Sportler den Standort des Balles besser wahrnehmen. Als Technik empfiehlt sich eine sehr enge Ballführung. Viele Spieler lassen zum Beispiel beim Laufen die Kugel zwischen den beiden Beinen hin- und herpendeln.

Blindenfußball ist inklusiv

Mit 20 mal 40 Metern ist die Spielanlage deutlich kleiner als ein herkömmliches Fußballfeld. Außerdem können die Banden in das Spiel mit einbezogen werden. Gespielt wird entweder in der Halle oder auf Kunstrasen. Eine Partie geht über zwei Halbzeiten zu je 20 Minuten und es werden etwas größere Tore (3,65 m x 2,1 m) als jene vom Handball verwendet. Pro Mannschaft stehen vier Feldspieler und ein Torwart auf dem Platz. Außerdem zählt Blindenfußball zu den inklusivsten Sportarten: „Es können nicht nur Frauen und Männer zusammenspielen, sondern es ist ein Teamsport, bei dem Sehende und Menschen mit Sehbehinderung gemeinsam an einem Strang ziehen – das macht den Sport einzigartig“, sagt der Projektleiter für Blindenfußball in Österreich Joseph-Sebastian Steinlechner.

Es können nicht nur Frauen und Männer zusammenspielen, sondern es ist ein Teamsport, bei dem Sehende und Menschen mit Sehbehinderung gemeinsam an einem Strang ziehen – das macht den Sport einzigartig

Joseph-Sebastian Steinlechner

Spanisches Signalwort

Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Kommunikation. Von außen dirigieren „Guides“ die Spieler, damit diese nicht die Orientierung verlieren. Auch der Torwart trägt mit seinen Anweisungen oder Zurufen dazu bei, dass die Verteidiger richtig stehen. Damit härtere Zusammenstöße vermieden werden, muss jede Person, die sich dem ballführenden Spieler nähert, das spanische Wort „Voy“ rufen – was übersetzt „ich komme“ bedeutet. Wird diese Regel nicht eingehalten, erhält das Team, das sich im Ballbesitz befindet, einen Freistoß. Während es, wie im regulären Fußball, Strafstöße, Eckbälle und Karten gibt, muss nicht auf die Abseitsregel geachtet werden. Da sich die Spieler während der Partie auf die Anweisungen und das Rasseln des Balles fokussieren müssen, sind Anfeuern und Jubeln, ähnlich wie beim Tennis, nur nach einem Tor oder einer Spielunterbrechung gestattet.

Österreich im Vormarsch

Obwohl in Österreich 2014 erstmals Trainings für Blindenfußball angeboten wurden, konnte sich die Sportart hierzulande vorerst nicht durchsetzen. Im Herbst 2017 erlebte das Projekt einen Neustart und seitdem hat sich einiges getan. Der erste große Meilenstein wurde im Frühling 2018 erreicht, als die österreichische Blindenfußballauswahl des Österreichischen Behindertensportverbandes (ÖBSV) in Krakau erstmals bei einem internationalen Wettbewerb der International Blind Sports Federation (IBSA) teilnahm. Den bislang größten Erfolg feierte die Mannschaft im Juli 2019 bei einem Turnier in Italien. Trotz hochkarätiger Besetzung setzte sich die Auswahl des ÖBSV schlussendlich gegen Topteams, wie die AS Roma und Schalke 04, durch und kürte sich überraschend zum Turniersieger. Inzwischen ist Österreich definitiv im internationalen Blindenfußball angekommen und man wolle bei der übernächsten Europameisterschaft erstmals auch bei einem Großereignis teilnehmen. „Blindenfußball ist in Österreich noch in den Kinderschuhen, aber die Entwicklung in den letzten beiden Jahren war sehr positiv. Natürlich geht noch mehr und wir haben große Ambitionen“, zeigt sich Steinlechner optimistisch.

Die österreichische Auswahl bei ihrem 1. internationalen Turnier. Copyright: Nadine Studeny

Blindenfußball wird international von Argentinien und besonders Brasilien dominiert. Brasilien, wo die Spieler sogar bezahlt werden, holte bereits fünfmal den WM-Titel, Argentinien kürte sich zweimal zum Weltmeister. Bei der 7. und bislang letzten Weltmeisterschaft in Madrid 2018 trafen die beiden Favoriten im Finale aufeinander – mit dem besseren Ende für Brasilien. Auf europäischer Ebene setzt Spanien, das bislang als einziges Team einen Podestplatz bei einer Weltmeisterschaft eroberte, die Maßstäbe. Wenig überraschend holte man bereits zum 8. Mal den Titel bei der Europameisterschaft 2019 in Rom. Seit 2004 ist Blindenfußball im Programm der Sommer Paralympics vertreten. Bislang konnte Brasilien jedes Mal die Goldmedaille erobern.

Anfang Juni fand nach der Corona-Pause in der Hopsagasse 5, 1200 Wien erstmals wieder ein Blindenfußballtraining statt. Die nächste Einheit ist am 4. Juli geplant, Interessierte können sich per Mail an kontakt@blindenfussball.at melden oder einfach persönlich vorbeikommen.

Spiele der österreichischen Auswahl in voller Länge
www.blindenfussball.at

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