Aus welchem Holz bist du geschnitzt?

Ein Start beim Hahnenkamm-Rennen stellt die Athleten vor große Herausforderungen. Wird jeder Fahrer dem Druck, sowohl physisch, als auch psychisch, standhalten? Jeder reagiert anders auf Druck, deshalb müssen solche Situationen auch trainiert werden.

Von Philipp Nägele

Stell dir vor du stehst im Starthaus an der wohl berühmtesten Ski-Rennstrecke: am Hahnenkamm in Kitzbühel. Die Erwartungen sind hoch. Deine, die deiner Trainer, deiner Familie, deiner Freunde – und der über 50.000 Zuseher, die Live vor Ort sind. Natürlich denken wir dabei nicht an die Millionen Menschen, die zu Hause ebenfalls Live an den TV-Geräten sitzen. Du bist top vorbereitet. Du hast gut trainiert, bist voller Gesundheit. Du bist motiviert. Alles ist gut. Aber deine Gedanken sind überall dort, wo sie nicht hilfreich sind: bei eben diesen Menschen, bei den Zuschauern, dem Wissen wer alles zusieht. Von der Prominenz bis hin zu deinen eigenen Eltern. Und gleichzeitig weißt du, dass du auf der schwierigsten und definitiv gefährlichsten Strecke aller Zeiten stehst. Noch wenige Sekunden bis zum letzten Piep und dem Start. Von 0 auf 100 in wenigen Sekunden. Ganz ehrlich: aus welchem Holz bist du geschnitzt? Ist es möglich, dass du einen Hauch von Druck verspürst? Gut möglich.

Matthias Mayer hat dies in der Abfahrt am letzten Wochenende von allen Rennläufern am besten umgesetzt. Die Mischung zwischen Anspannung, Fokussierung auf die Strecke und die entscheidenden Schlüsselstellen, den Mut auch immer wieder dagegen zu drücken, wenn’s in den Schenkeln brennt und die Geschwindigkeit am Höchsten ist. Der Druck ist absolut enorm. Wer Interviews der besten Skifahrer der Welt zum Hahnenkamm-Rennen gehört hat, weiß, dass diese selbst den höchsten Respekt davor haben.

Ich sage es immer wieder: wir können über alles reden. Selbstvertrauen, Mut, Fokus, Leichtigkeit, Flexibilität, Ziele – ganz egal welche Fähigkeit oder welches Element wir benennen: wenn Druck ins Spiel kommt, zählt vieles der genannten Dinge überhaupt nicht mehr. Erst wenn es um etwas geht, zeigt sich, wie ein Athlet wirklich reagiert. Es zeigt sich wirklich, welche Persönlichkeit und aus welchem Holz der Sportler ist.

Gute Trainer versuchen solche Drucksituationen immer wieder im Training zu erzeugen. In den unterschiedlichsten Varianten. Ob durch Zeit, durch hartes Spiel, durch verbales oder physisches Zusetzen, durch unkonventionelle Methoden. Das Ziel ist immer dasselbe: herauszufinden, wie der Sportler reagiert. Am besten sogar agiert. Igelt er sich ein? Steht er auch wieder auf? Oder noch viel besser: Der Athlet hält dagegen, geht sogar nach vorne! Und er steckt nicht zurück! Das ist das Beste. Vielleicht ist er sogar in seinem Stolz berührt. In seiner Ehre.

Als Coach und Trainer frage ich mich auch immer wieder, wie ein Sportler reagiert, wenn es um die Wurst geht. Ich erinnere mich oft an mich selbst als Tennisspieler in meiner Jugend. Der dritte und entscheidende Satz läuft und es geht in Richtung Entscheidung. Ein paar wenige Ballwechsel, vielleicht noch 3 oder 4 Punkte, dann weiß ich, es ist soweit: es wird entschieden wer gewinnt. Mein Gegner oder ich. Was – oder wie – spiele ich dann? Vor allem in meinen jungen Jahren glaubte ich immer, jetzt muss ich erst recht einen draufsetzen. Genau das tun: nach vorne gehe! Die Entscheidung herbeiführen. Aber damals wichtiger: etwas tun, was ich das ganze Match nicht gemacht hatte. Irgend ein Zauberschlag. Einen „schönen“ Punkt spielen. Einen speziellen Schlag. Der das ganze Spiel krönen wird. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie oft dies in die Hose gegangen ist.

Genauso wie Matthias Mayer hätte ich mich auf eines besinnen sollen: meine Stärken. Meine Routine. Darauf, was ich am Besten kann. Das hätte mir ein paar Siege mehr eingebracht. Und ich wäre wie Matthias Mayer am Ende der jubelnde Sieger gewesen.